Stellt die Bestimmung eines Stimmfachs für Sängerinnen und Sänger eine Begrenzung ihrer Möglichkeiten dar?

Szenenausschnitt aus

Zunächst sollte man wissen, dass die Zuordnung eines Stimmfachs aus der klassischen Musik, vor allem der Oper her rührt.

Die hier geläufigen Stimmfächer sind Sopran, Alt, Tenor und Bass. Dazu kam dann Bariton und Mezzosopran. Im Laufe der Jahrhunderte splitterten sich die Stimmbezeichnungen stark auf, sodass man auf 25-30 Stimmfachbezeichnungen kam.

So ist z.B. ein Sopran nicht nur ein Sopran, sondern man unterscheidet

-> dramatischer Koloratursopran,

-> leichter Koloratursopran,

-> dramatischer Sopran

-> jugendlich-dramatischer Sopran

-> hochdramatischer Sopran

-> lyrischer Sopran

-> lyrischer Koloratursopran

-> Soubrette.

Die ausführlichen Bezeichnungen findet man auch unter Wikipedia – Stimmfach.

Deshalb kam mir das Veranstaltungs-Thema der Regionalen Fortbildung des Bundesverbandes Deutscher Gesangspädagogen am 6. Februar 2016 gerade recht. Es lautete „Stimmfächer – Bestimmung, Grenzen, Repertoire“. Als Referenten waren zu hören Prof. Dr. Peter-Anton Ling, Bariton und Experte für Stimmfach-Bestimmung sowie Frau Antonia Klein von der Agentur Klein.

Viele Dinge waren mir zwar geläufig. Dennoch war es erstaunlich auch für mich, zu hören, wie zahlreich sich die Stimmfachbezeichnungen in den Jahrhunderten verändert haben. Inzwischen geht man wieder den Weg, die Bezeichnungen zu komprimieren und nicht so aufgefächert einzuteilen.

Stimmfach und angrenzende Partien …

Solche Bezeichnungen findet man heute in vielen Theater-Verträgen für Sänger und Sängerinnen. Eigentlich sollten Theater-Verträge auch zum Schutz für die Sänger formuliert sein. Aber was bedeutet dann der Ausdruck „angrenzende Partien“ und worauf kann sich ein Sänger noch berufen?

Wie hat sich der Markt inzwischen verändert?

Ist es leichter oder schwerer, als Sänger/In ein Engagement an einem Theater zu bekommen? Und wie wird er seinen stimmlichen Fähigkeiten nach eingesetzt? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich natürlich allein schon durch meinen Unterricht.

Mehr als 30 Jahre war ich aktive Sängerin in Oper, Operette und Musical. Meine Stimmlage war leichter, lyrischer Koloratursopran und mein Stimmfach über viele Jahre Soubrette. Und so vielfältig wurde ich auch eingesetzt. Manchmal an die Grenze des Machbaren. Dank einer guten Gesangsausbildung habe ich meine Stimme nicht kaputt gemacht und sie ist bis heute noch gut in Schuss. Dank vor allem meiner Lehrerin, der verstorbenen Erika Zimmermann.

Doch wie oft erlebte ich – und hörte auch bei dem Fortbildungsvortrag - , dass junge Sänger an ein Haus verpflichtet werden und dort Partien ausgesetzt werden, denen sie mit ihrer noch jungen Stimme nicht gewachsen sind. Nach 2-5 Jahren müssen sie deshalb ihren Wunschberuf wieder aufgeben.

Da taucht bei mir die Frage auf, in welcher Verantwortung stehen die Intendanten und wie viel Ahnung haben sie überhaupt von Gesang und Stimmpflege, vor allem auch einer gesunden Stimmentfaltung?

Die Antwort gibt vielleicht eine Statistik, die Prof. Dr. Ling angab: 30 % der Intendanten kommen aus einem musikalischen Beruf. Die restlichen 70 % setzen sich zusammen aus Betriebswirtschaftlern, Journalisten, Dramaturgen, kurzum Berufen, die nicht unbedingt etwas mit Gesang zu tun haben.

Dazu sollte man sich auch immer vor Augen halten als verantwortlicher Theaterleiter, Dirigent oder Operndirektor, dass Singen an sich ja schon einem Hochleistungssport gleicht. Dies hat man in einigen wissenschaftlichen Messungen festgestellt. SängerInnen für Oper und Operette singen nach wie vor ohne Mikrofon. Allein durch die Kraft ihrer Stimme und deren körperlicher und mentaler Unterstützung schafft es der Klang, über ein großes Orchester bis in die letzten Stuhlreihen den Zuhörer zu erreichen.

Wird man nun mit einem falschen Fach besetzt, kann die Stimme schnell überfordert werden und ihren Glanz verlieren. Der Sänger steht vor dem beruflichen Aus.

Deshalb – und dies haben die beiden Vortragenden immer wieder betont – ist es so wichtig, dass ein Sänger selbstverantwortlich handelt. Auch wenn dies u. U. mit den Theaterleitern kollidiert.

Die große Verantwortung im Gesangsunterricht und von Gesangspädagogen

Voraussetzung ist zuallererst, dass der junge Mensch einen guten Gesanglehrer bekommt. Der seine Fähigkeiten entdeckt und sanft fördert. Ihn leitet und nicht sofort mit schweren Arien arbeiten lässt. Ein Sportler wird auch nicht als Stabhochspringer anfangen, sondern es wird erst sein Talent ausgelotet, dann wird er Schritt für Schritt darauf hingeführt und die Ansprüche werden allmählich gesteigert.

Menschen, die in meinen Gesangsunterricht kommen, werden erst mit den Basics vertraut gemacht. Die anfänglich schon schwierig genug für Neulinge sind. Dann wird mit der Mittellage gearbeitet, vorsichtig höhere und tiefere Töne angesungen. So wird die Tessatura für schwierigere Stücke vorbereitet.

Jeder Gesangspädagoge sollte hier ein größtmögliches Maß an Verantwortung tragen. Und dies natürlich auch bei Menschen, die den Beruf als SängerIn nicht ausüben möchten, sondern nur aus Spaß an der Freud singen wollen.

Eine Sänger-Stimme muss gesund wachsen und reifen können, erst dann ist ein Fachwechsel möglich und empfehlenswert

Steht eine Sängerin oder ein Sänger schon mehrere Jahre im Beruf und geht pfleglich mit seiner Stimme um, wird sich in den meisten Fällen seine Stimme verändern. Oft folgt dann ein Fachwechsel. Dies kann vom Mezzo zum Sopran, aber auch umgekehrt sein. Ein lyrischer Tenor wechselt in ein dramatischeres Fach, ein Bariton entwickelt sich zum Tenor oder umgekehrt etc. Ein Fachwechsel sollte immer von guten Beratern und vom Gesangslehrer begleitet sein.

Ansonsten kann ein solcher Fachwechsel schnell schief gehen. Die Gefahr besteht natürlich auch in der eigenen Einschätzung seiner Möglichkeiten. Möchte ein leichter Buffo um alle Welt zum jugendlichen Heldentenor wechseln, die Stimme gibt es aber nicht her, dann ist Krieg angesagt. Auch als Sänger mit vielen Träumen und Visionen sollte man auf dem Boden bleiben. Sonst versagt im wahrsten Sinn des Wortes die Stimme.

Bei Frauen spielt natürlich auch die Menopause eine große Rolle. Die Stimme wird dann bei Frauen häufig tiefer. Wenn eine Sängerin im täglichen Theaterablauf steht, hat sie ganz schön damit zu kämpfen. Manche Stimme wird auch trockener, viel trinken ist hier die Devise. Und sich einen guten Arzt suchen, der gewissenhaft ist und nicht unbedingt und um jeden Preis Hormone an die Frau bringen will. Diese können mitunter sogar ein Krebsrisiko darstellen, wie gestern eine Betroffene in der Veranstaltung warnte.

Wichtig ist, immer singen und nicht aufhören, denn das würde die Stimmschönheit beeinträchtigen. Leider sind die Wechseljahre immer noch ein Tabuthema, über das nicht gern gesprochen wird. Aber es ist nun mal da und nicht wegzuradieren.

Manche Sängerinnen sprechen offen darüber, wie z. B. Brigitte Fassbaender hier im Interview mit Manuel Brug für DIE WELT: „Man darf sie alles fragen, sie ist für ihre Generation bemerkenswert offen. Redet etwa frank und frei über die Wechseljahre, ‚die bei Sängerinnen immer noch ein Tabu sind und auf die einen niemand vorbereitet. Was habe ich da alles mit Hormonen rumexperimentiert, bis ich den richtigen Doktor hatte. Oft war die Stimme morgens pelzig, man war ein Bass und musste sich mühsam bis zu abendlichen Konzert hochschrauben. Nicht schön.‘ Auch das hat das Loslassen, das Aufhören erleichtert: ‚Immer nur dieses Selbstreferenzielle. Alles drehte sich nur darum, zur Vorstellung in Form zu sein.‘ “

Wie ich im Vortrag von Prof. Dr. Ling mit Schrecken gehört habe, kommt es heute aber häufig gar nicht mehr dazu, dass eine Sängerin ihre Menopause am Theater erlebt. Die Intendanten kündigen Frauen um die 40 und holen sich jüngere.

Wenn man bedenkt, dass eine Sopranistin mit spätestens 27 im Engagement stehen sollte, hat sie heute nicht mehr besonders viel Zeit, um sich zu entwickeln und Karriere zu machen.

Was für eine Vorstellung! Gerade Sänger mit Bühnenerfahrung können eine Rolle viel besser ausloten. Ihr mehr Farben geben und mehr Charakter. Nicht nur schauspielerisch, sondern auch musikalisch.

Der Jugendwahn hat auch in den Musiktheatern Einzug gehalten. Daneben auch eine Kostenfrage, denn junge, gerade fertig studierte Sänger und Sängerinnen kosten eben weniger.  

Wir haben in Deutschland eine unvergleichliche Theaterlandschaft. Rund 54 % der Opernhäuser der Welt stehen in Deutschland. (China ist allerdings stark im Vormarsch.) Es wäre unverantwortlich, wenn dieses Gut, was über Jahrhunderte aufgebaut wurde, durch machthungrige, verantwortungslose Theaterleiter kaputt saniert werden würde.

Fazit: In meiner Theaterzeit habe ich doch einige Partien gesungen, die angrenzend an mein eigentliches Stimmfach waren. Persönlich hat es mir nicht geschadet. Und manche Grenzpartien bringen einen auch weiter.

Allerdings war ich immer wieder bei meiner Lehrerin zur Kontrolle und nach ihrem Tod bei anderen guten Lehrern. Ich kann nur jedem Berufssänger raten, immer in monatlichen Abständen Unterricht zur eigenen Kontrolle zu nehmen. Denn es ist unweigerlich so, dass man in der täglichen Proben- und Aufführungsroutine stimmlich etwas verschlampt.

Wenn ich mir die Entwicklung in der deutschen Theaterlandschaft anschaue, bin ich sehr glücklich, dass ich eine so lange und schöne Zeit auf der Bühne stehen durfte. Dass sich meine Stimme auch entwickeln durfte und ich nicht mit 40 gekündigt wurde. Traumhafte Rollen und die Arbeit mit einigen wirklich guten Regisseuren bestätigten mir im Rückblick, warum ich diesen Beruf unbedingt ausüben wollte und es mein absoluter Herzenswunsch war. Es war eine unvergleichliche Zeit.

Dennoch weine ich ihr nicht hinterher, ich habe jetzt auch, zwar andere, aber höchst interessante, anspruchsvolle und verantwortliche Tätigkeiten, die mich mit viel Freude erfüllen. Die Bühnenarbeit jedoch hat in mir den Blick für den Menschen geschärft durch die Erarbeitung der unterschiedlichsten Rollen und Charaktere.

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